REPUBLIK ÖSTERREICH
HISTORIKERKOMMISSION
Presseinformation
Historikerkommission beschließt Forschungsprojekte
In ihrer Sitzung vergangenen Donnerstag hat die Historikerkommission aus den über 200 Bewerbungen 58 Wissenschafter und Wissenschafterinnen aus dem In- und Ausland für insgesamt 28 Forschungsprojekte und Gutachten ausgewählt. Die Kriterien für die Entscheidungen waren vor allem die einschlägige wissenschaftliche Erfahrung und Kenntnis der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die Schlüssigkeit von Inhalten, Methoden und Zielen der eingereichten Exposés und die weiterführenden Gespräche mit den Projektwerbern und -werberinnen. Darüber hinaus hat die Historikerkommission bei der Auswahl der Themen eine regionale Ausgewogenheit berücksichtigt. Die Laufzeit der Projekte beträgt zwischen einem halben und zwei Jahren, je nach Umfang der Fragestellung, Aktenlage und Relevanz für den Auftrag der Historikerkommission. Insgesamt stehen für die nun beauftragten Forschungen rund 35 Millionen Schilling zur Verfügung.
Zum Thema Zwangsarbeit hat die Kommission zunächst die Historiker Florian Freund und Bertrand Perz mit einer Studie beauftragt, in der die Anzahl der auf dem Gebiet der Republik Österreich bis 1945 verpflichteten Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen berechnet wird. Weiters wird der Volkswirt Mark Spoerer (Universität Hohenheim) auf der Basis dieser Erhebung sowie anderer Quellenmaterialien eine Schätzung der Zahl der noch lebenden Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen durchführen. Die Kommission rechnet bis Ende des Jahres mit der Fertigstellung dieses Berichts. Unter Berücksichtigung dieser Forschungen sowie der in anderen Bereichen durchgeführten wissenschaftlichen Arbeiten zu Zwangsarbeit in der Industrie, wie etwa im Bereich der VOEST oder des Verbundes, sollen in einem nächsten Schritt weitere Forschungen in Auftrag gegeben werden.
Das Gesamtprojekt "Arisierung" teilt sich in mehrere Einzelprojekte. Die Berechnung des Geldvermögens wird auf Grund der Akten der Vermögensverkehrsstelle sowie der vorhandenen Rückstellungsakten der Finanzlandesdirektionen durchgeführt. Anhand ausgewählter Wiener Bezirke wird die "Arisierung" von Immobilienbesitz und der dadurch entstehende Vermögensentzug auf Basis des Grundbuches exemplarisch dargestellt. Die Eigentumsveränderungen im Bereich von Banken, Industrie und Kleinunternehmen werden beispielhaft vom Vermögensentzug bis zu versuchten und tatsächlichen Rückstellungen untersucht. Eine kleine Studie in diesem Bereich widmet sich dem Marktamt als "Arisierungs"behörde und wird zeigen, wie die "Arisierungen" im Bereich der Wiener Märkte - etwa dem Naschmarkt - durchgeführt wurden, welche Vermögen entzogen und ob diese wieder rückgestellt wurden. Auch der Frage nach Entlassungen und Berufsverboten, etwa von Beamten, Rechtsanwälten, Arbeitern, Arbeiterinnen und Angestellten, und den daraus entstehenden vermögensrechtlichen Nachteilen, wird in einem Forschungsprojekt nachgegangen.
In den Forschungen zur "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" sowie zur sogenannten "Aktion Gildemeester" stehen strukturelle Fragen nach den Funktionen dieser nationalsozialistischen Stellen als Beraubungsinstitutionen im Vordergrund.
Am Beispiel von Oberösterreich, Salzburg und dem Burgenland sollen im Wege einer Totalerhebung "Arisierungen", beschlagnahmte Vermögen, Rückstellungen und Entschädigungen untersucht werden.
Die Untersuchungen des Vermögensentzuges sowie Rückstellungen und Entschädigungen bei nationalen Minderheiten konzentrieren sich auf Slowenen und Sloweninnen, Roma und Sinti, Tschechen und Tschechinnen, Ungarn und Ungarinnen, Kroaten und Kroatinnen. Die jeweiligen Gruppen werden in einzelnen Projekten behandelt, sind doch Ausgangslage und Betroffenheit sehr unterschiedlich.
Im Bereich der Politisch Verfolgten wird das Schwergewicht der Forschungen auf dem Vermögensentzug, dem Entzug von Anwartschaften sowie auf der Frage der Entschädigungen bei Widerstandskämpfern und -kämpferinnen liegen. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands durchgeführten Projektes werden noch benannt. Eine weitere Studie beschäftigt sich mit ähnlichen Fragestellungen, bezogen auf männliche und weibliche Homosexuelle.
Ein wesentlicher Bereich der wissenschaftlichen Bearbeitung ist die Auflösung und der damit verbundene Vermögensentzug von Vereinen, Stiftungen und Fonds. Hier wird ausgehend vom Aktenbestand des sogenannten Stillhaltekommissars eine Stichprobenerhebung und -auswertung durchgeführt. Exemplarische Vollerhebungen werden zu jüdischen Vereinen, Stiftungen und Fonds sowie - unter einem regionalen Gesichtspunkt - für das Land Tirol durchgeführt.
Im Fragenkomplex Rückstellung und Entschädigung wird die bis dato kaum erforschte Entstehungsgeschichte der Rückstellungs- und Entschädigungsgesetzgebung und die damit im Zusammenhang stehende Politik Österreichs, der Alliierten, aber auch der österreichisch-jüdischen Exilorganisationen analysiert.
Die Untersuchung der praktischen Vollziehung des Rückstellungsrechts erfolgt sowohl aus juristischer wie historischer Perspektive. Auch hier wird ausgehend von den Aktenbeständen ein Stichprobenverfahren gewählt. Die Auswertung soll einerseits zeigen, wieviel rückgestellt wurde und andererseits anhand von ausgewählten Beispielen die Entwicklung einer Typologie ermöglichen. Im juristischen Gutachten wird zum Beispiel der Frage nachgegangen, zu wessen Gunsten die gesetzlich vorgegebenen Ermessensspielräume der Rückstellungskommission genutzt wurden, oder welche Folgen die Definition des Begriff des redlichen Erwerbes in Rückstellungsverfahren hatte.
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